Zusammen gute Arbeit leisten
Ein Gespräch über Diversität am Arbeitsmarkt, Gleichstellung und den Anspruch, niemanden zurückzulassen.
Arbeit suchen, Arbeit finden, für Arbeit bezahlt werden, unentgeltliche Arbeit leisten. Erwerbsarbeit besteht aus vielen Dimensionen. Sie stiftet Sinn oder erschöpft, macht uns finanziell unabhängig oder abhängig, fordert uns heraus oder fordert ein – und manchmal alles zugleich. Sie sichert unseren Lebensunterhalt und formt unseren Alltag.
Gemeinsam für einen gerechten Arbeitsmarkt
Das Arbeitsmarktservice (AMS) und Jugend am Werk tragen gemeinsam zu einer aktiven Arbeitsmarktpolitik und einem gerechteren Arbeitsmarkt bei. Yvonne Popper-Pieber, Stellvertretende Landesgeschäftsführerin AMS Steiermark, und Herbert Heußerer, Trainer und Berater bei MeinRat sowie Vortragender im Bereich Gender und Diversity bei inbildung, im Gespräch:
Die Zusammenarbeit zwischen AMS und Jugend am Werk besteht seit vielen Jahren. Was macht diese Partnerschaft auch in Zukunft tragfähig?
Yvonne Popper-Pieber: Unsere Zusammenarbeit ist geprägt von einer gemeinsamen Haltung. Es geht darum, Menschen Chancen zu eröffnen, Menschen in schwierigen Phasen des Lebens zu begleiten, Menschen auszubilden und Menschen wieder am Arbeitsmarkt zu integrieren. Jugend am Werk setzt Angebote und Leistungen im Auftrag des AMS mit hoher fachlicher Qualität und Professionalität um.
Herbert Heußerer: Der Austausch mit dem AMS ist auf vielen Ebenen wertschätzend und für beide Seiten bereichernd. Unser gemeinsames Anliegen ist es, Menschen ein selbstbestimmtes, gelingendes Leben zu ermöglichen. Arbeit ist dabei eine zentrale Säule unserer Identität.
Die Beratungsstelle MeinRat ist ein Beispiel für gelingende Kooperation. Was macht sie unverzichtbar?
Heußerer: Langzeitarbeitslosigkeit beginnt ab einem Jahr ohne Beschäftigung. Bei MeinRat sehen wir häufig eine Kombination mehrerer Faktoren: höheres Alter, gesundheitliche Einschränkungen, geringe Ausbildung. Oft reichen schon zwei dieser Aspekte aus, um den Zugang zum Arbeitsmarkt massiv zu erschweren. Wir versuchen gemeinsam mit den Teilnehmenden eine gewisse Stabilität herzustellen und Perspektiven zu entwickeln. Derzeit beraten und betreuen wir steiermarkweit ca. 1.050 Personen.
Popper-Pieber: Diese Zielgruppe wächst in den kommenden Jahren noch weiter. Projekte wie MeinRat sind deshalb unverzichtbar, weil sie niederschwellig ansetzen und individuelle Wege ermöglichen.
Wie hat sich der Arbeitsmarkt seit dem Start von MeinRat im Jahr 2017 verändert?
Popper-Pieber: Die grundlegenden arbeitsmarktpolitischen Ziele sind gleich geblieben, doch die Anforderungen haben sich deutlich erhöht. Digitalisierung, Automatisierung und gesellschaftliche Umbrüche verändern auch Berufsbilder. Gleichzeitig beobachten wir eine Zunahme von Langzeitarbeitslosigkeit, insbesondere bei Frauen.
Heußerer: Die Herausforderungen sind komplexer geworden. Umso wichtiger ist ein ganzheitlicher Blick auf die Lebenssituation der Menschen.
Gleichstellung am Arbeitsmarkt ist ein zentrales Ziel des AMS. Wie wird dieses Ziel in der Praxis verfolgt?
Popper-Pieber: Unser Anspruch ist existenzsichernde Erwerbsarbeit für alle Geschlechter. Das bedeutet: Abbau geschlechtsspezifischer Barrieren, Reduktion von Einkommensunterschieden, gleiche Zugänge zu allen Berufen und Hierarchieebenen. Wir bieten gezielte Förderprogramme, betreiben Gleichstellungsmonitoring und investieren bewusst mehr Mittel in Frauenförderung.
Heußerer: Jugend am Werk verfolgt die Gleichstellungsziele ebenfalls auf mehreren Ebenen. Seit 2023 haben wir ein Diversity-Leitbild etabliert und seit 2025 sind wir auch Diversity-zertifiziert. Für uns geht es um Gleichstellung der Geschlechter, um einen inklusiven Arbeitsmarkt und generelle Chancengerechtigkeit.
Wie gelingt es, stereotype Rollenbilder und Zuschreibungen aufzulösen?
Heußerer: In unserem Weiterbildungsinstitut inbildung bieten wir teilweise verpflichtende Gender- und Diversity-Schulungen an. Schließlich ist das kein Thema der anderen, sondern stets auch das eigene Thema. Vielfalt beginnt immer bei mir selbst.
Popper-Pieber: Wir reproduzieren ständig Stereotype und Vorurteile. Bewusstseinsarbeit ist maßgeblich, um Gleichstellungsziele zu erreichen. Bildung schafft die Grundlage dafür, dass sowohl Fachkräfte als auch Teilnehmende eigene Muster hinterfragen und neue Perspektiven entwickeln können.
Wie verändern Digitalisierung und künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt?
Popper-Pieber: Grundsätzlich denke ich, dass es wichtig ist, zuversichtlich zu bleiben, auch für die nächsten Generationen. Die tatsächlichen Veränderungen sind derzeit schwer abschätzbar. Berufsbilder werden sich verändern und neue Berufe werden entstehen bzw. tun sie das bereits. Menschen wird es aus meiner Sicht immer brauchen.
Heußerer: Wir beobachten schon eine steigende Besorgnis bei älteren Personen, ihre Arbeit aufgrund der Digitalisierung zu verlieren oder nicht mehr mithalten zu können. Mit EDV-Workshops und Grundlagen im Umgang mit digitalen Tools wollen wir konkret entgegenwirken.
Wie sieht für Sie ein fairer und zukunftsfähiger Arbeitsmarkt aus?
Popper-Pieber: Ein fairer Arbeitsmarkt lässt unterschiedliche Geschwindigkeiten zu. Dazu gehört die gleiche Verteilung der Geschlechter in allen Branchen, insbesondere auf allen Hierarchieebenen, sowie selbstverständlich gleiche und faire Bezahlung. Außerdem braucht es die notwendigen Rahmenbedingungen, die Erwerbstätigkeit überhaupt ermöglichen. Also mehr Kinderbetreuungseinrichtungen und zusätzliche Pflegeplätze.
Heußerer: Diversität ist eine gesellschaftliche Realität, das gilt es anzuerkennen. Chancengleichheit reicht nicht, es braucht Chancengerechtigkeit. Erst dann können alle teilhaben. Wir dürfen niemanden zurücklassen.