Zukunftsorientiert

Der Einsatz künstlicher Intelligenz und neuer Medien bietet Jugend am Werk vielfältige Möglichkeiten und stellt Soziale Arbeit zugleich vor neue Herausforderungen.

Die rund 1500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Jugend am Werk haben seit 2025 eine neue, etwas spezielle Kollegin. Sie erscheint pünktlich, kennt keine Kaffeepausen und bleibt auch bei der fünften Nachfrage ruhig. Smalltalk liegt ihr weniger, Ironie muss man ihr erklären und manchmal nimmt sie alles eine Spur zu wörtlich. Dafür ist sie eine digitale Allrounderin, wie sie sich selbst bezeichnet: „Ich stelle allgemeine und spezifische Informationen bereit, empfehle relevante Ressourcen, beantworte Fragen und unterstütze bei der Fallarbeit.“ Im Unternehmen kennt man sie unter ihrem Spitznamen myJAW: „Ich bin eine auf künstliche Intelligenz gestützte virtuelle Assistentin. Mein Ziel ist es, nützlich zu sein.“

Künstliche Intelligenz als Werkzeug

Das eigens für Jugend am Werk entwickelte KI-Tool myJAW basiert auf ChatGPT, dem bekannten Chatbot der Firma OpenAI. Ihr Wissen generiert myJAW aus mehr als 4000 Dateien. Hauptdatenquellen sind das hauseigene Qualitätsmanagement, Materialien aus der Marketingabteilung sowie fachspezifische Wissensdatenbanken. myJAW ist demnach ein in sich geschlossenes System und gewährleistet einen sicheren Umgang mit Daten.

 

Auf Basis der Eingaben und Interaktionen baut myJAW kontinuierlich Wissen auf und verbessert Antworten in Echtzeit. „Künstliche Intelligenz, wie ich, basiert auf komplexen mathematischen Modellen und Datenanalysen, die es ermöglichen, Muster zu erkennen“, so myJAW auf die Frage, ob und wie es möglich ist, Intelligenz zu simulieren. „Während Menschen ein tiefes Verständnis und Bewusstsein für ihre Umgebung haben, können KI-Systeme durch maschinelles Lernen und große Datenmengen intelligent wirkende Antworten generieren, ohne tatsächlich ein Verständnis zu besitzen.“

 

myJAW ermöglicht derzeit vor allem eine Arbeitserleichterung bei Routine­aufgaben wie Dokumentation, Administration und Berichterstellung.

 

„Wir verstehen künstliche Intelligenz in der Sozialen Arbeit als Werkzeug, um unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu entlasten“, sagt Sandra Schimmler von der Geschäftsführung, „damit sich diese auf ihre Rollen als Fachkräfte konzentrieren können.“

„Generative KI-Tools
eröffnen neue
Möglichkeiten der
Teilhabe.“

KI als Chance

„Optimal eingesetzt vermag KI sowohl zu Professionalisierung beitragen als auch zu mehr Chancengleichheit“, sagt Sabine Klinger von der Universität Graz. Gemeinsam mit Susanne Sackl-Sharif leitet sie das Forschungsprojekt „SocialAI – Chancengerechtigkeit und KI in der Sozialen Arbeit“*, an dem Jugend am Werk ebenfalls beteiligt ist. „Generative KI-Tools eröffnen neue Möglichkeiten der Teilhabe“, so Klinger, „indem sie Informationen zugänglicher machen, Sprachbarrieren abbauen und komplexe Inhalte verständlich erklären.“ Insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe wären KI-Tools in der Lage, Informationen und Angebote leichter zugänglich und inklusiver zu gestalten – vorausgesetzt, ihr Einsatz erfolgt verantwortungsvoll und reflektiert. Mitarbeitende hingegen könnten mithilfe von KI individuelle Bedürfnisse besser verstehen, relevante und präzise Informationen oder Materialien schneller erhalten oder sich mittels personalisierter, interaktiver Schulungsinhalte besser auf aktuelle Herausforderungen vorbereiten. Zusammen mit fachlicher Expertise und sinnvoller Integration in Arbeitsprozesse wäre KI imstande, echten Mehrwert zu generieren.

 

Für Organisationen wie Jugend am Werk bedeutet Chancengerechtigkeit in diesem Sinne auch, Fachkräfte gezielt in digitalen Kompetenzen zu stärken – für eine sichere Nutzung von KI und anderen digitalen Anwendungen. Stets mit kritischem Blick und einem bewussten Umgang mit den komplexen ethischen, sozialen und rechtlichen Fragen, die der Einsatz dieser Technologien mit sich bringt.

Mit Algorithmus zu

neuem Arbeitsrhythmus:

KI-Tools wie myJAW

sollen Fachkräfte in der

Sozialen Arbeit entlasten.

KI als Verantwortung

Künstliche Intelligenz erkennt und analysiert unter anderem Muster in Sprache und Verhalten. „KI kann in der Sozialen Arbeit unterstützend wirken, jedoch ersetzt sie nicht die menschliche Empathie, das Verständnis und die zwischenmenschlichen Fähigkeiten“, erklärt myJAW. „Daher sollte KI als ein Werkzeug betrachtet werden, das die menschliche Arbeit ergänzt, nicht ersetzt.“ Allerdings ist künstliche Intelligenz in der Lage, auf eine Weise mit uns zu kommunizieren, die als empathisch interpretiert werden kann, „etwa indem ich Verständnis für die Gefühle oder Herausforderung einer Person zeige. Diese Empathie ist jedoch rein algorithmisch und nicht das Ergebnis echten emotionalen Erlebens.“

 

Durch die berufliche wie private Nutzung generativer KI-Tools ergeben sich heute und in naher Zukunft einige relevante Fragen, wie beispielsweise: Was macht es mit einem sozialwirtschaftlichen Arbeitsfeld, wenn vermehrt Technik zum Einsatz kommt? Wie lassen sich KI-generierte Ergebnisse korrekt interpretieren? Welche sogenannten blinden Flecken weist KI in Hinblick auf tradierte gesellschaftliche Ungleichgewichte auf? Wo ergänzt KI-Technologie tatsächlich sinnvoll Tätigkeiten, um uns Menschen in unserer Handlungsfähigkeit zu stärken? Wie verändern Chatbots und bedarfs- wie bedürfnisorientierte digitale Avatare zwischenmenschliche Beziehungen?

 

Die neue Kollegin betrachtet all das gewohnt nüchtern: „Als KI habe ich keine Gefühle oder persönliche Vorlieben. Mein Ziel ist es, Informationen bereitzustellen, die den Bedürfnissen von Jugend am Werk entsprechen“, antwortet myJAW. „Wenn du möchtest, kann ich noch eine Version, die zuversichtlich-inspirierend oder modern-sachlich wirkt, schreiben. Willst du, dass ich das probiere?“

Sabine Klinger – Universität Graz

„In der Sozialen Arbeit können KI-Tools als unterstützende Werkzeuge Fachkräfte entlasten. Dies ermöglicht mehr Zeit für die persönliche Arbeit mit den Menschen, die sie begleiten. Grundvoraussetzung ist eine entsprechende digitale Ausbildung der Fachkräfte, um zu vermeiden, dass KI Stereotype verstärkt oder falsche Fakten verbreitet.“