Von hier aus kann ich den Himmel sehen

Im Wohnverbund Zeltweg steht individuelle Begleitung von alternden Menschen mit Behinderung im Mittelpunkt.

Mit dem Älterwerden verändert sich vieles: körperliche und geistige Fähigkeiten, tägliche Routinen und Bedürfnisse. Altern ist ein individueller Prozess, der weit stärker von persönlichen Lebensumständen und Lebensgeschichten geprägt ist als von der bloßen Anzahl gelebter Jahre.

 

Eine altersgerechte Begleitung von Menschen mit Behinderung wird zu einem immer bedeutenderen Thema, denn erstmals erreichen Menschen mit Beeinträchtigung ein höheres Lebensalter. Möglich ist dies durch medizinische Fortschritte, verbesserte Versorgung, gewachsene Teilhabemöglichkeiten und nicht zuletzt dank einem inklusiven Menschenbild sowie der schrittweisen Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

 

Mit der steigenden Lebenserwartung verändert sich auch der Unterstützungsbedarf. Bestehende Strukturen und Angebote stehen damit vor neuen Herausforderungen.

Übergänge gestalten

Seit dem Jahr 2024 können Menschen mit Behinderung in der Steiermark in Pension oder Altersteilzeit gehen – so, wie Menschen ohne Behinderung. Finanzielle Leistungen und die gewohnte Wohnsituation bleiben dabei unverändert aufrecht.

 

„Die heutigen Seniorinnen und Senioren haben davor einen großen Teil ihres Lebens in Werkstätten im Rahmen von Arbeit und Beschäftigung verbracht“, erzählt Manuela Korditsch, Teamleiterin des Wohnverbunds Zeltweg. Mit dem Übergang in den Ruhestand sei Jugend am Werk gefordert, Tagesbegleitung neu zu denken.
„Gemeinsam mit den Kundinnen und Kunden gestalten wir einen Tagesablauf. Dabei orientieren wir uns an individuellen Bedürfnissen, am Gesundheitszustand sowie an der jeweiligen körperlichen und psychischen Tagesverfassung.“ Das reicht von Spaziergängen und Einkäufe erledigen über gemeinsame Aktivitäten – „eine Gaude haben“ – bis zu Momenten des einfachen „da seins“. „Die Menschen, die jetzt älter werden, begleiten wir oft schon seit Jahrzehnten“, sagt Korditsch. „Auch untereinander kennen sie sich ewig und sind richtig zusammengewachsen.“

Günter Reichhold – Bürgermeister der Stadtgemeinde Zeltweg

„Der Wohnverbund von Jugend am Werk in Zeltweg schenkt Menschen mit Behinderung ein Zuhause voller Würde und Gemeinschaft. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit zeigt, wie Inklu­sion gelingen kann, wenn wir einander offen begegnen.

 

So wird unsere Stadt zu einem Ort voller Nähe, Lebensfreude und Optimismus – beste Voraussetzungen für ein erfülltes Leben, in jedem Alter.“

Inklusiv altern

Um dem sich verändernden Unterstützungsbedarf von Menschen mit Behinderung im Alter gerecht zu werden, investiert Jugend am Werk an ausgewählten Standorten in bedarfsgerechte Infrastruktur. Dadurch entstand in einem gewöhnlichen Mehrparteienhaus in Zeltweg der Wohnverbund: Hier leben seit April 2025 Menschen mit und ohne Behinderung, alte wie junge, in Voll- oder Teilzeitbetreuung Tür an Tür.

 

Auf drei Stockwerken verteilt befinden sich insgesamt acht neu renovierte Wohnungen, für jeweils zwei bis drei Personen. Jede der derzeit 13 Bewohnerinnen und jeder Bewohner, die Hälfte davon im Ruhestand, verfügt über ein eigenes Zimmer mit Bad, die Küche wird zusammen genutzt. Wer Gemeinschaft sucht, klopft an Tür Nummer 6. „Hier in der Mimi treffen sich die Seniorinnen und Senioren tagsüber, zum Mittagessen, Fernsehen, für Gesellschaftsspiele oder einfach zum Beisammensein“, erzählt Korditsch. Mimi steht für Miteinander im Mittelpunkt. „Je älter Menschen werden, umso eher ist die Gefahr, dass sie vereinsamen. Hier versuchen wir, Gemeinschaft zu leben.“ Für die Mitarbeitenden von Jugend am Werk steht im selben Haus eine eigens eingerichtete Dienstwohnung zur Verfügung, denn auch nachts ist stets ein Bereitschaftsdienst vor Ort.

In der Begleitung von Menschen mit Behinderung im Alter müssen Individualisierung und Gemeinschaft gleichermaßen mitgedacht werden.

Barrieren abbauen

Besonders auffallend sind die hell und mit freundlichen Farben gestalteten Räume. Während die Bewohnerinnen und Bewohner ihre Zimmer individuell einrichten, ist Jugend am Werk verantwortlich für die gemeinschaftlich genutzten Flächen. Barrierefreie Zugänge sind selbstverständlich, ebenso funktionale Möbel wie beispielsweise ein höhenverstellbarer Herd oder ein voll ausgestattetes Pflegebad. Die Besonderheiten liegen oftmals im Detail. Manuela Korditsch zeigt auf einen verglasten Ausschnitt in der Balkonbrüstung: „Wer im Rollstuhl sitzt oder viel Zeit im Bett verbringt, kann oft nicht über die Brüstung hinausblicken. Dieses speziell eingebaute Sichtfenster ermöglicht wieder den Blick ins Freie.“ Eine gute Aussicht stand auf der Wunschliste eines Bewohners ganz oben. Er wollte so hoch wie möglich wohnen, denn: „Von hier aus kann ich den Himmel sehen.“

„Grundsätzlich ist unser
Zugang: Wir begleiten so
lange wie möglich. Das Recht
auf Teilhabe kennt keine
Altersgrenze.“

Neue Lebensphase

Ein besonderes Anliegen von Jugend am Werk ist es, Menschen mit Behinderung auch im höheren Alter so lange wie möglich in vertrauten Strukturen zu begleiten. Sozialpädagogische Begleitung und Pflege wirken dabei eng zusammen: „Grundsätzlich ist unser Zugang: Wir begleiten so lange wie möglich.“ Auch bei steigendem Pflegebedarf stehe Selbstbestimmung im Vordergrund. Das Recht auf Teilhabe kennt keine Altersgrenze. Ein Wechsel in eine stationäre Pflegeeinrichtung erfolgt erst, wenn die Unterstützungsleistung nicht mehr ausreicht.

 

Alt werden bedeutet für Menschen mit Behinderung mehr als körperliche Veränderungen. Es ist ein emotionaler Prozess, der neue Bedürfnisse, Abschiede und Anpassungen mit sich bringt. Um darin gut zu begleiten, brauche es ausreichend Zeit und Aufmerksamkeit, so Korditsch, „und die Bereitschaft, immer wieder zu fragen: Was tut diesem Menschen jetzt gut?“