(Un-)begrenzte Medienzeit

Der Lehrgang Medienpädagogische Beratung von inbildung vermittelt Fachwissen und Kompetenzen, um Kindern und Jugendlichen Orientierung in der digitalen Welt zu geben.

Streamen, liken, chatten, tracken. Auf Tablets, Smartphones oder Smartwatches. Die Welt von Kindern und Jugendlichen ist längst digitalisiert. Medien sind aus ihrem Alltag kaum mehr wegzudenken – und damit auch ein zentrales Thema in der pädagogischen Arbeit. Ob zu Hause, in der Schule oder im Rahmen von Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe geht es darum, Heranwachsende zu befähigen, selbstbestimmt zu handeln, Entscheidungen zu treffen und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Medienpädagogik ist dafür ein entscheidender Baustein.

 

Jugend am Werk hat ein medienpädagogisches Rahmenkonzept erarbeitet, das aufzeigt, wie Medienkompetenzen individuell gefördert werden können. Kinder und Jugendliche nutzen Medien, um sich zu informieren und zu kommunizieren, um Teil sozialer und kultureller Netzwerke zu sein und um ihr eigenes Denken und Handeln zu reflektieren. Medien begleiten sie damit wesentlich bei der Entwicklung ihrer Identität.

Status checken

Unsere eigene Medienbiografie beeinflusst, wie wir Medien wahrnehmen und wie wir Kinder und Jugendliche in puncto Mediennutzung begleiten“, erläutert Lukas Wagner, Psychotherapeut und Leiter des Lehrgangs Medienpädagogische Beratung bei inbildung, dem Weiterbildungsinstitut von Jugend am Werk. Die individuelle Sozialisation – vom analogen Fernsehen bis zum ersten Handy – prägt die Haltung zu digitalen Medien. „Mithilfe dieser Selbstreflexion zu Beginn des Lehrgangs sollen die Teilnehmenden ihr eigenes Nutzungsverhalten hinter­fragen und Verständnis für die Lebenswelt junger Menschen entwickeln.“

Wie begleiten wir junge Menschen in einer Welt, in der Informationen jederzeit verfügbar sind, Kommunikation digital stattfindet und künstliche Intelligenz zunehmend an Bedeutung gewinnt? Mit diesen Themen setzt sich der Lehrgang Medienpädagogische Beratung auseinander.

Likes vergeben

In der täglichen Praxis erleben Fachkräfte immer wieder, wie stark Smartphones und soziale Medien den Alltag von Jugendlichen bestimmen. Die durchschnittliche Bildschirmzeit junger Menschen liegt bei sechs bis acht Stunden täglich. Die Generation Alpha – also jene, die nach 2010 geboren wurden – wächst als ­erste vollständig in einer digitalisierten, permanent vernetzten Welt auf.

 

„Apps wie Snapchat oder TikTok sind für viele nicht nur Unterhaltung, sondern zentrales Kommunikationsmittel“, beschreibt eine Teilnehmerin des Lehrgangs den Umgang unter Jugendlichen. Der Kontakt mit den jungen Menschen erfolge dementsprechend ebenfalls über Text- oder Sprachnachrichten. Für viele Erwachsene ist das eine Umstellung: „Wenn du anrufst, hebt selten jemand ab“, lacht ein Teilnehmer und spielt damit auf veränderte Kommunikationsgewohnheiten an. „Am besten ist nach wie vor der direkte, persönliche Austausch im echten Leben.“

 

Angesichts des rasanten technologischen Wandels macht sich bei vielen ein gewisses Gefühl der Überforderung breit. Die lebhaften Diskussionen während des Seminars machen deutlich, wie unerlässlich kontinuierliche Weiterbildung, Austausch und Reflexion sind – sowohl in technischer als auch in soziokultureller Hinsicht. „Wir sind Besucherinnen und Besucher in dieser digitalen Welt“, bringt es eine Teilnehmerin auf den Punkt. „Wenn wir Kinder und Jugendliche gut begleiten wollen, müssen wir verstehen, wie diese Welt funktioniert.“ Eine Welt, in der die jungen Menschen längst zu Hause sind.

Chatbots fragen

Besonders wichtig sei auch, Kinder und Jugendliche über die Funktionsweise von Social Media und KI aufzuklären, denn: „Viele Anwendungen sind ganz bewusst so gestaltet, dass sie unser Belohnungszentrum aktivieren und somit eine süchtig machende Wirkung entfalten können“, erklärt Lukas Wagner. Daraus entwickle sich in manchen Fällen eine exzessive Nutzung bis hin zu einer Mediennutzungsstörung.

 

Hinzu kommt, dass Menschen dazu neigen, Maschinen menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Die Nutzung von künstlicher Intelligenz verstärkt diese Vermenschlichung der Technik. „Kinder und Jugendliche müssen verstehen, dass ein Chatbot kein Mensch ist“, ergänzt eine Teilnehmerin. „Für emotionale Unterstützung in herausfordernden Lebenssituationen braucht es echte, stabile Beziehungen.“

Lukas Wagner – Psychotherapeut und Medienpädagoge

„Erklärungen und Theorie reichen nicht aus. Wir brauchen gewisse Bedingungen, die es erleichtern, ein bestimmtes Verhalten umzusetzen.“

Aktivitäten tracken

Ob in der mobilen oder der stationären Kinder- und Jugendhilfe: Klare Rahmenbedingungen für Mediennutzung sind wichtig und auch im medienpädagogischen Konzept von Jugend am Werk festgeschieben. „Erklärungen und Theorie reichen nicht aus. Wir brauchen gewisse Bedingungen, die es erleichtern, ein bestimmtes Verhalten umzusetzen“, betont Wagner. Dazu zählen etwa klare Regeln in Wohngemeinschaften, wie beispielsweise medienfreie Räume oder handyfreie Zeiten. In den Wohngruppen hält Jugend am Werk diese Vereinbarungen in altersangepassten Mediennutzungsverträgen fest.

 

Medienpädagogik ist demnach weit mehr als ein Zusatzthema und sollte zentraler Bestandteil sozialpädagogischer Arbeit und Ausbildung sein. Durch gezielte Fortbildungen stärkt Jugend am Werk Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darin, die Lebensrealität junger Menschen besser zu verstehen und sie kompetent in eine digitale Zukunft zu begleiten. „Neue Medien und KI sind da und sie werden nicht wieder verschwinden“, sagt Wagner. „Die Frage ist nicht, ob wir sie nutzen, sondern wie.“