Ein Miteinander, das Wirkung zeigt

Ökologisch, sozial, inklusiv. Zwei Beispiele zeigen, wie Nachhaltigkeit im Arbeitsleben gelingt – am Pferdehof ebenso wie mitten in der Stadt.

Es ist früh am Morgen, genauer gesagt knapp 7 Uhr, wenn Patrick M. am Pferdehof Römerweg ankommt. Der Pferdehof liegt etwas außerhalb von Graz inmitten grüner Wiesen und Wälder. Gründerin und Inhaberin Sigrid Bierbaumer-Schnee bietet dort Reitkurse und -ferien für Kinder an. Patrick ist einer der ersten am Hof. Sein Tag beginnt mit gewohnten Routinen: Als Erstes zieht er seine Arbeitskleidung an, dann geht er in den Stall. Ausmisten, Heu verteilen, nach den Tieren sehen, die Pferde auf die Koppel bringen. „Ich finde hier immer genug Arbeit“, lacht Patrick. Den Großteil erledigt er selbstständig sowie in Abstimmung mit Sigrid: „Am Hof gibt es immer etwas zu tun und Patrick sieht, was gerade gebraucht wird.“ Für den Betrieb sei Patrick mittlerweile unverzichtbar.

Zusammen wachsen

Bereits seit zehn Jahren ist Patrick wichtiger Bestandteil des Römerhofs. „Begonnen hat alles mit wenigen Stunden begleiteter Mitarbeit im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung“, erzählt Vanessa Kern, Teamleiterin von inArbeit bei Jugend am Werk. „Seit acht Jahren ist Patrick über inArbeit in einem regulären Dienstverhältnis, bekommt echtes Gehalt, hat Urlaubsanspruch und ist sozialversichert.“ Der Römerhof zählte zu den ersten steirischen Betrieben, die Menschen mit Behinderung im Rahmen von inArbeit ein echtes Dienstverhältnis ermöglichten. Was 2018 als Pilotprojekt startete, ist heute als Sonderleistung des Landes Steiermark ein zukunftsweisendes Projekt, das zu einem inklusiven Arbeitsmarkt beiträgt.

Ein Perfect Match

Ein fixer Wochenrhythmus und bekannte Abläufe sind für Patrick besonders wichtig. Mittwochs hat er frei, ein Tag zum Ausrasten, wie er selbst sagt. Ob er sich ein Leben ohne Arbeit vorstellen könne? Patrick schüttelt den Kopf: „Dann wird mir zu langweilig.“ Der Arbeitsplatz am Pferdehof sei laut Vanessa Kern ein „Perfect Match“: Die Tätigkeiten in der Natur, der Umgang mit den Tieren und das Vertrauen sowie die Geduld des gesamten Teams tragen zu einer besonders angenehmen Arbeitsatmosphäre bei. Die Geschichte von Patrick zeigt, wie echte und nachhaltige Teilhabe möglich sein kann – nicht als Ausnahme, sondern als Selbstverständlichkeit.

Nachhaltig und inklusiv

„Patricks Vertrauen in uns und in sich selbst ist, seit er vor zehn Jahren am Hof begonnen hat, stetig gewachsen.“

 

Sigrid Bierbaumer-Schnee (oben Mitte), Gründerin & Inhaberin Pferdehof Römerweg

Treffpunkt für gelebte Inklusion

Ebenfalls ein gelungenes Beispiel für Inklusion am Arbeitsmarkt ist das incafé Mürzzuschlag. In guter Lage am Beginn der Fußgängerzone bietet es seit 2024 nicht nur abwechslungsreiche Mittagsmenüs, Kaffee und Kuchen, sondern auch einen einladenden Treffpunkt für gelebte Inklusion.

 

 

„Echte Teilhabe am
Arbeitsleben ist möglich –
nicht als Ausnahme, sondern
als Selbstverständlichkeit.“

 

 

Im Service des incafé arbeiten Menschen mit Behinderung im Rahmen von Arbeit und Beschäftigung, in der Küche absolvieren Jugendliche eine Überbetriebliche Lehrausbildung. „Zu uns kommen viele Stammgäste aus der direkten Umgebung“, sagt Jan Gerrit Froihofer, Leiter von Arbeit und Beschäftigung bei Jugend am Werk Mürzzuschlag. Das incafé ist regelmäßig ausgebucht. Zur Mittagszeit, wenn viele Bestellungen gleichzeitig eintrudeln, ist Übersicht und Teamgeist gefordert. „Entscheidend ist dabei die Zusammenarbeit zwischen Küche und Service.“

Im incafé Mürzzuschlag finden Ausbildung, Arbeit, Nachhaltigkeit und Begegnung im Alltag zusammen.

Lernen im echten Betrieb

Wie fühlt sich Arbeit in einem echten Betrieb an? Die jugendlichen Teilnehmenden wechseln zwischen Arbeit in der Küche, theoretischem Unterricht, sozialem Kompetenztraining und Praktika in externen Betrieben. „Unser Ziel ist, den Jugendlichen nicht nur fachliches Können zu vermitteln, sondern auch berufliche Orientierung zu bieten“, so Froihofer. „Die Arbeit im incafé ist realitäts-, praxis- und wirtschaftsnah.“

 

Während in der Küche Gemüse für das vegetarische Tagesgericht geschnippelt wird, laufen im Gastbereich die Vorbereitungen für den Mittagsbetrieb. Hier sorgen täglich drei Kund*innen mit Unterstützung durch eine Arbeitsbegleitung für das leibliche Wohl der Gäste. Ihre Aufgaben reichen von Servietten falten bis zu Bestellungen aufnehmen und Gerichte servieren. „Nicht jede oder jeder fühlt sich im direkten Umgang mit den Gästen von Anfang an wohl“, sagt Teamleiter Michael Hiebler. Die Tätigkeiten werden an die individuellen Fähigkeiten angepasst und zugleich bewusst neue Herausforderungen geboten. „Es soll ein Lernfeld sein, das Entwicklung ermöglicht.“

Nachhaltigkeit mal drei

Als nachhaltiger Gastronomiebetrieb trägt das incafé Mürzzuschlag die Auszeichnung „Grüner Teller“ (mehr Infos auf S. 33). Nachhaltig sind im incafé neben dem bewussten Umgang mit Lebensmitteln auch die Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung sowie die Ausbildungswege und Beschäftigungsper­spektiven für junge Menschen. So wie für Vendulka K., die nach einem Praktikum von einem regionalen Betrieb übernommen wurde und nun dort ihre Teilqualifizierungslehre abschließen kann. Das incafé ist weit mehr als ein gastronomischer Treffpunkt. Hier erproben Menschen mit Behinderungen und Auszubildende ihre Fähigkeiten in einem realen Betrieb. Mitten im Ort, mitten im Leben entsteht so ein Raum, an dem Inklusion selbstverständlich stattfindet.

Stimme

„Nachhaltigkeit entsteht im Miteinander! Dort, wo Menschen mit ihren besonderen Talenten Teil des Arbeitsprozesses werden, verändert sich mehr als nur der Arbeitsalltag: Teams berichten von besserer Stimmung, achtsamerer Kommunikation und einem bewussteren Miteinander.“

 

Nicolette Blok Expertin für Inklusion, Teamkultur und nachhaltige Zusammenarbeit