Auf allen Ebenen

Jeder Mensch verdient bestmögliche Begleitung, die sich an individuellen Bedürfnissen orientiert. Unabhängig von physischen, kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen.

Inklusion bedeutet, dass Verschiedenheit selbstverständlich ist, dass alle Menschen, unabhängig von Faktoren wie Behinderung, Alter, Herkunft oder Geschlecht, Teil eines Ganzen sind. In einer inklusiven Gesellschaft müssen sich nicht die Menschen anpassen, um dazuzugehören, im Gegenteil: Die Räume und Strukturen richten sich nach ihren Bedürfnissen. Für Menschen mit Behinderung bedeutet Inklusion vor allem, mitten im Leben zu sein, nicht am Rand – selbst dann, wenn sie rund um die Uhr intensive Betreuung brauchen.

Das Projekt Neuland
feiert im Jahr 2026
sein 15-jähriges
Bestehen.

Neuland betreten

Der Tag bei Neuland beginnt für die Bewohnerinnen und Bewohner nicht um eine bestimmte Uhrzeit. Manche stehen früh auf, manche schlafen länger. Danach richtet sich der Tagesablauf. „Wir fragen: ,Was tut dir heute gut?‘“, sagt Manfred Paschek. „Und daran orientieren wir uns.“

 

Gemeinsam mit Carmen Berger und Stefan Lichtenegger bildet er das Führungsteam von Neuland, eine intensiv betreute Wohnform mit Tagesstruktur. Das Projekt Neuland entstand im Jahr 2011 aus einem gemeinsamen Pilotversuch von Jugend am Werk und dem Sozialressort des Landes Steiermark. Mittlerweile dient es als Vorbild für weitere, ähnliche Angebote.

 

Bei Neuland finden Menschen, die aufgrund schwerer kognitiver Einschränkungen und höchst auffälligem, teils aggressivem Verhalten eine permanente intensive Betreuung benötigen, ein Zuhause. Mit der Eröffnung betrat Jugend am Werk tatsächlich Neuland: Als erste Wohngemeinschaft richtet sich Neuland an Menschen mit schweren Verhaltensauffälligkeiten, die lange Aufenthalte in psychiatrischen Krankenhäusern oder Pflegeheimen hinter sich haben. Neuland ist grundsätzlich ein offenes Haus, es gibt keine verschlossenen Türen. „Jemanden einzusperren ist keine Deeskalation“, sagt Paschek klar. „Das sind Konzepte aus einer anderen Zeit.“ Im ersten Stock des Gebäudes befinden sich die Zimmer der aktuell sieben Bewohnerinnen und Bewohner sowie mehrere Gemeinschaftsräume. Im Erdgeschoß bietet Neuland eine Tagesstruktur an: Bastelarbeiten, Brettspiele, Spaziergänge oder einfach Beobachten. „Manche sind gerne mittendrin, andere schauen lieber zu“, sagt Paschek. „Beides ist völlig in Ordnung.“ Auch das ist Teilhabe.

„Menschen professionell
personenzentriert zu
begleiten heißt,
genau zuzuhören und
hinzuspüren.“

Nähe und Distanz

Das Licht im Wohnbereich ist gedämpft, ein Aromadiffusor versprüht angenehmen Duft. Die Einrichtung beschränkt sich auf das Wesentliche, auch um das Verletzungsrisiko zu minimieren. Auto- und Fremdaggressionen mancher Bewohne­rinnen und Bewohner gehören zum Alltag. Das führt mitunter zu Situationen, die das multiprofessionelle Team enorme Kraft kosten, emotional wie körperlich. Für jede Bewohnerin und jeden Bewohner gibt es eine Art individuellen Handlungsleitfaden, damit das Team passende Reaktionsmöglichkeiten parat hat und bestmöglich unterstützen kann. „Manche brauchen Nähe, andere Abstand. Das ist hochindividuell“, so Paschek. „Menschen professionell personenzentriert zu begleiten heißt, genau zuzuhören und hinzuspüren.“

Barbara Pitner – Amt der Stmk. Landesregierung Leiterin Abt. 11 Soziales, Arbeit und Integration

„Jeder Mensch hat das Recht auf Unterstützung, Zuwendung und ein bestmögliches Leben im bestmöglichen Umfeld. Eine Gesellschaft zeigt ihre Qualität im Umgang mit jenen, die nicht der vermeintlichen Norm entsprechen.

 

Das Team von Neuland arbeitet nicht nur an der Lebensqualität ihrer Kundinnen und Kunden, sondern auch an der sozialen Qualität der Gesellschaft unseres Landes. Dies geschieht leise, aber wirksam und gibt sowohl Anlass für Dankbarkeit als auch für Zuversicht in herausfordernden Zeiten.“

Halt geben

Der Zusammenhalt des Teams ist deutlich spürbar, vor allem in herausfordernden Situationen. Regelmäßig finden Supervisionen statt und aktuelle Vorfälle werden direkt nachbesprochen. „Wenn jemand eine schwierige Situation erlebt hat, sagen wir: ,Geh raus, hol Luft, trink einen Kaffee.‘ Wir sind ein stabiles Team, niemand muss da alleine durch.“
Zum 15-jährigen Bestehen ist eine besondere Investition geplant, erzählt Paschek: „Wir waren gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern in verschiedenen Möbelhäusern und haben Massagesessel ausprobiert. Alle haben es sehr genossen, da drinnen zu sitzen und massiert zu werden.“

 

Das Projekt Neuland ist in vieler Hinsicht in einer Vorreiterrolle. Maßgeblich ist dafür das Engagement des gesamten Teams, das neue Ideen und Konzepte nicht nur formuliert, sondern auch umsetzt. Ein Team, das Menschen so begleitet und akzeptiert, wie sie sind, nach dem Prinzip: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“ Eine inklusive Gesellschaft ist nie fertig, sie lebt von ständiger Veränderung. Sie entsteht dort, wo Strukturen hinterfragt und weiterentwickelt werden, wo Unterschiede und individuelle Anforderungen nicht stören, sondern bereichern.